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Zur „strukturalistischen“ Marxismus-Lesart

TaP hat mich auf ein Interview mit dem Professor für Philosophie Frieder Otto Wolf aufmerksam gemacht, der auch die texte von Lous Althusser herausgibt. ich werde mal im folgenden wagen, mich dem „Althusserismus“ zu stellen 😉

„Letztlich geht es um die Frage, wie sich die Subjekte zu den
gesellschaftlichen Strukturen verhalten. Der französische Philosoph Louis Althusser hat immer betont, dass die Subjekte, also die Menschen, nicht die Strukturen schaffen, sondern umgekehrt, dass diese Strukturen die Subjekte konstituieren. Wobei die Menschen wiederum nicht einfach passive Reflexe der Gesellschaft sind. Und hier kommt die Ideologie ins Spiel, die nicht nur eine Frage des Bewusstseins, sondern vor allem der Praxis ist.“

hier kommen zwei unterschiedliche „dinge“ zusammen. das erste ist der alte streit zwischen „sein“ und „bewusstsein“. ich glaube, ich befinde mich in übereinstimmung mit Marx, wenn ich eher von einem „wechselverhältnis“ ausgehe als von einer einlinigen kausalität.

„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß.“ 

also, das sein bestimmt das bewusstsein, aber umgekehrt stimmt es auch. 😉

beim zweiten kann ich schon eher zustimmen, sowohl was die „ideologie“ betrifft als auch, was über die „praxis“ gesagt wird. nur mit den begriff „ideologie“ würde ich etwas vorsichtiger umgehen wollen. zwar mag in einem „absoluten“ sinn alles „ideologie“ sein, was nicht den heutigen standards der „wissenschaft“ entspricht, aber man würde doch den menschen, die unter schwierigsten bedingungen an archaische mythen und religionsformen gehangen haben, doch schwer unrecht damit tun. ich würde lieber von mehr oder weniger angemessenen bewusstseinsformen sprechen wollen, da man damit auch den stand der allgemeinen gesellschaftlichen entwicklung mitberücksicht und die historische bedingtheit (relativität) von bewusstseinsformen betont.

der punkt mit der „praxis“ ist wirklich interessant und ziemlich neu für mich. ich muss zugeben, dass ich mit diesem gedanken auch erst im zuge der stärkeren beschäftigung mit dem „strukturalismus“ konfrontiert wurde. allerdings sehe ich es als problematisch an, handeln mit ideologie „gleichzusetzen“ (auch wenn sich im handeln die ideologie „verwirklicht“). ansonsten würde jeder, der morgens in einer bäckerei brötchen kauft, damit auch das „wertgesetz“ [+] verstanden haben. und DAS glaube ich dann doch weniger. 😉 vielmehr ist es doch wohl eher so, dass sich ideologien offensichtlich auch unbewusst (oder vorbewusst) im gesellschaftlichen leben um- und durchsetzen; zumindest so lange, wie die gesellschaftlichen prozesse keiner bewussten kontrolle unterliegen. ein problem, das für die sog. [nichtkapitalistischen] „übergangsgesellschaften“ eine frage von leben und tod war – und auch noch (hoffentlich) sein wird.

[+] „Ideologie überlagert nicht das gesellschaftliche Sein als ablösbare Schicht, sondern wohnt ihm inne. Sie gründet in der Abstraktion, die zum Tauschvorgang wesentlich rechnet. Ohne Absehen von den lebendigen Menschen wäre nicht zu tauschen. Das impliziert im realen Lebensprozeß bis heute notwendig gesellschaftlichen Schein. Sein Kern ist der Wert als Ding an sich, als »Natur«. Die Naturwüchsigkeit der kapitalistischen Gesellschaft ist real und zugleich jener Schein.“ — T. W. Adorno, Negative Dialektik  

„Althusser hat dies an einer entscheidenden Stelle seines Werkes mit einem Zitat des Philosophen des 17. Jahrhunderts, Blaise Pascal, versucht zu verdeutlichen: »Knie nieder und du wirst dann schon die nötige Ehrfurcht haben.«

ich glaube, an dieser stelle hat es Althusser mit der „praxis“ etwas überzogen. eine handlung ‚formal‘ auszuführen, bedeutet noch lange nicht, eine dementsprechende bewusstseinsform auszubilden (wenn es auch eine tendenz dazu gibt). und es wäre auch schlimm, wenn es so wäre. ein lohnarbeiter, der lohnarbeitet, müsste diese handlung damit auch automatisch ideologisch affirmieren und jeder, der in einer kirche betet, würde sich damit als vorbildlicher christ erweisen; nein, so einfach ist es dann doch nicht!

richtig ist es aber, dass sich „ideologien“ auch in „körperhaltungen“ ausdrücken. man braucht sich nur mal talk-shows ansehen mit berufspolitikern und „einfachen bürgern“, um den „Machtunterschied“ auch spürbar mit den händen (be)greifen zu können.

Frage: „Widerstand bleibt also möglich?
Ja. Das ist ein wesentliches Element der Ideologie-Theorie von Althusser. Es ist aber nicht einfach eine Frage der wissenschaftlichen Einsicht. Es reicht nicht, den Fetischcharakter der Ware zu durchschauen, um zum revolutionären Subjekt zu werden.“

tja, das ist die 100 000 $ frage! wie entstehen „revolutionäre subjekte“? ehrlich, ich habe keine ahnung; diese frage ist wohl — mit der terminologie Althussers und Freuds gesprochen — „überdeterminiert„.

was können wir darüber wissen, um mal mit Kant zu fragen? vlt bringt es uns weiter, wenn wir erst mal die punkte ausschliessen, die offensichtlich keine antwort geben.

— verelendung: (hunger, not, krankheit, einsamkeit, verzweiflung)  allein macht (noch) keine revolutionäre. denn verelendung gibt es in der welt genug, aber trotzdem keine revolutionen.

— sozialabbau: seit globalisierung und hartz 4 ein „normaler“, täglicher vorgang. der neoliberalismus ist sogar auf dem vormarsch, weil die CDU dadurch stimmen bekommt, dass viele angst vor einer möglichen R2G-regierung haben! unfassbar – aber trotzdem teil der politischen realität in der BRD.

— repression: hat der staat fast nicht mehr nötig. und wenn, sind die meisten taten, auf die der staat mit repression reagiert (reagieren muss) eher als „verzweiflungsaktionen“ anzusehen. nur, die „propaganda der tat“ zündet nicht. sie bewirkt sogar im gegenteil eine noch grössere marginalisierung von allem „widerständigem“, als es ohnehin schon marginal ist.

hat der neoliberalismus die gesellschaft so sehr im griff, dass sich wirklich jeder und jederin als „ego-unternehmer“ versteht? ich kann das nicht wirklich glauben. ich glaube eher, dass das problem ganz woanders liegt. sicher gibt es auch eine feste basis für autoritäre einstellungen. diese gab es aber auch schon vor der dem neoliberalismus, nur dass sich die gesellschaftlichen konfliktlinien verändert haben. das, was früher unter „soziale frage“ [vulgär] verstanden wurde, war die ökonomische verteilung des produzierten reichtums. heute ist die ökonomische verteilung fast kein thema mehr (ausser bei der PDL und ihrer „linken“ satelliten), aber dafür haben sich „identitäts-politische“ fragestellungen stark in den vordergrund geschoben. (siehe dazu kritisch: Detlef Georgia Schulze über Nancy Fraser im ND)

natürlich bedeutet das bis zu einem gewissen grad auch, dass die ideologie der „individualisierung“ auch einzug in die „linke“ (oder zumindest teilen von ihr) gehalten hat. dies ist ja auch der kern der kritik bei Didier Eribon. nur, man kann daraus nicht den umkehrschluss ziehen, weil es so viel identitätspolitik gibt, sind die arbeiter (und die arbeiterbewegung) deshalb auf den hund gekommen. erstens schliessen sich identitätspolitik und „klassenkampf“ gar nicht logisch aus, und zweitens suchen sich die subjekte ja nicht ganz freiwillig ihre politischen konfliktfelder aus. und drittens steht es überhaupt nicht a priori fest, in welchem konfliktfeld es zu „revolutionären brüchen“ kommen kann. es muss nicht immer (klassisch) mit einem besetzten grossbetrieb anfangen, es kann auch eine frauendemo für sexuelle selbstbestimmung sein; nur so als beispiel.

allerdings erstaunt es mich doch bis zu einem gewissen grade, dass die „verteilungsfrage“ — gerade in zeiten verschärfter prekarisierung — nur so wenig politische zugkraft besitzt. ich habe dafür auch keine wirkliche erklärung. da kommen sicher mehrere faktoren zusammen: zum einen der völlige übergang der SPD zum neoliberalismus. die gewerkschaften als korporatistischer vertreter priviligierter arbeiterschichten (arbeiteraristokratie) und zum dritten der verschärfte „kulturkampf“ durch die flüchtlings- und migrationsfrage, die die verteilungsfrage (stark) überlagern. und als vierten punkt müsste man noch anfügen, dass der eindruck, den die PDL macht, auch nicht gerade viel vertrauen in diese partei einflösst. milde gesprochen.

um das ganze mal ein wenig zusammenzufassen: das problem der entstehung „revolutionärer subjekte“ besteht auf mehreren ebenen.

(1.) historisch: die erfahrungen des faschismus und stalinismus und ihre notwendige aufarbeitung.

(2.) das versagen der grossen arbeiterparteien (sozialdemokratie und [post]stalinismus) und die einbindung der gewerkschaften (co-management) in das kapitalistische system. der übergang von der klassischen (reformistischen) sozialdemokratie zur „neuen sozialdemokratie“ (=neoliberal)

(3.) der strukturwandel vom fordismus, der noch über relativ stabile ‚kollektivformen‘ (der alte ’sozialstaat‘ war nun aber aber auch nicht soo toll auf allen ebenen) verfügte zum neoliberalismus, der den individualismus zur hegemonialen ‚befreiungsideologie“ emporgehoben hat, ohne dass die „linken“ da viel glaubwürdiges entgegensetzen können. im prinzip ist ja auch gegen den „individualismus“ gar nicht so viel zu sagen. bloss, ich sage immer, was nützt mir reisefreiheit, wenn ich gar kein geld zum reisen habe? also mit anderen worten: freiheit hat ohne (ökonomische) sicherheit keinen sehr hohen wert. allerdings wäre es auch falsch zu sagen, dass sie keinen wert hätte, denn die menschen brauchen zumindest das gefühl der freiheit, wie man am zusammenbruch des „ostblocks“ gesehen hat.

(4.) die äusserste marginalisierung von gruppen, die einen (äusserst) dünnen faden revolutionärer ‚kontinuität‘ aufrechtzuerhalten versuchen. dies erhöht nicht gerade ihre glaubwürdigkeit. und wenn dann auch noch eine strömung eine bestimmte ‚tradition‘ beansprucht und diese „bestimmte tradition“ sich dann auch noch in gefühlt 1000 untertraditionen aufspaltet – tja, dann weiss ich auch nicht, ob man das als lemmingsverhalten oder als spezielle ‚trotzkistische‘ variante des todestriebes ansehen soll. 😉 (damit sollen ernsthafte programmatische differenzen aber nicht in ihrer bedeutung kleingeredet werden, aber es gäbe bestimmt möglichkeiten für bessere formen der zusammenarbeit.)

wenn man all das bedenkt (und die liste ist bestimmt nicht vollständig), dann müsste man es eigentlich als ein ‚wunder‘ ansehen, dass es überhaupt noch politische strömungen gibt, die den anspruch aufrechterhalten, ‚revolutionär‘ zu sein. ich glaube, nein, ich denke, dass die menschen letztlich sich nicht mit verhältnissen zufriedengeben können und werden, in der sie nicht ihr volles potential entfalten können. und diese ‚hoffnung‘ ist in uns allen eingeschrieben. wir müssen uns ’nur‘ wieder an sie erinnern, und das wird in situationen geschehen, in der wir ‚existentiell‘ gefordert sind, wo es kein zurück mehr gibt und keine zudeckenden ‚kompromisse‘ mehr funktionieren werden; weil es nur noch ein alles oder nichts gibt; wir oder die? alles gewinnen oder alles verlieren. es ist klar, dass solche lagen nur in historischen ausnahmesituationen entstehen können. aber sie werden gewiss wieder entstehen (ohne einen geschichtsphilosophischen determinismus huldigen zu müssen) – denn emanzipation ist nicht nur ein universales menschenrecht, es ist vielmehr eine menschliche notwendigkeit, wenn leben mehr sein soll als blosse existenz!

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ — Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung

ich habe mit absicht, geschichtsphilosophische themen und die theorie über den epistemologischen Bruch bei Marx weggelassen. erstens spielen diese punkte in dem interview keine rolle und zweitens würden sie das ohnehin schon sehr komplexe thema hoffnungslos überfrachten. und drittens — und das ist für mich der entscheidene faktor — , trotz der philosophischen differenzen mit TaP  können wir uns ‚politisch‘-programmatisch meistens gut annähern – es sei denn, es handelt sich um fragen des geschlechterverhältnisses. 😉

 

 

 

 

 

 

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16 Kommentare zu “Zur „strukturalistischen“ Marxismus-Lesart

  1. „“Was kann ich wissen“?, „Was soll ich tun“? und „Was darf ich hoffen?“ – diesen drei Fragen von grundlegender Bedeutung gilt das Erkenntnisinteresse der gesamten Kantschen Philosophie. Das opus magnum „Kritik der reinen Vernunft“ nimmt sich der ersten Frage an. Wie der Titel bereits nahelegt, mit den Mitteln einer „reinen Vernunft“. Das ist für Kant eine Vernunft, die ihre Erkenntnisse aus sich selbst heraus und nicht aus der Erfahrung gewinnt.

    Paradigmenwechsel: Dinge werden erst vom erkennenden Subjekt produziert

    Das Ergebnis war die sogenannte „kopernikanische Wende“ im Denken: Kant widerlegt die natürliche Wahrnehmung, wonach die äußeren Gegenstände an sich gegeben sind und von uns als solche erkannt werden. In Wirklichkeit sei es umgekehrt: Die Erkenntnis richtet sich nicht nach den Gegenständen, sondern die Gegenstände nach der Form unserer Erkenntnis. Die Dinge erscheinen nicht von selbst, sondern ihre Erscheinung wird erst vom erkennenden Subjekt – mit seinen Anschauungsformen Zeit und Raum – produziert. Dieser Grundgedanke hat den „Deutschen Idealismus“ (Fichte, Schelling, Hegel) ausgelöst, die größte Epoche der deutschen Philosophie.“
    http://www.stern.de/kultur/buecher/aufklaerungsphilosophie-was-man-ueber-kant-wissen-sollte-3509350.html

  2. und selbst zur hoffnung hat der rationalist Kant eine recht unorthodoxe haltung:

    „Die letzte Frage nach dem Hoffen beantwortet er in seiner Religions- und seiner Geschichtsphilosophie. Gott ist entsprechend der „Kritik der reinen Vernunft“ nicht ein Gegenstand des Wissens und der objektiven Erkenntnis, sondern des Hoffens – allerdings nicht eines schwärmerischen, sondern eines philosophisch begründeten Hoffens. Kant sagt: Gott ist ein „Postulat“ der rein praktischen Vernunft. Das heißt: Seine Existenz ist zwar unbeweisbar, aber die Vernunft nötigt, an Gott zu glauben.“ — ebenda

  3. zur frage der überwindung der „ideologie“ ist auch interessant, was Alfred Sohn-Rethel über „abstraktionen“ sagt (geistige und körperliche arbeit, S.44):

    „zu den bedingungen einer klassenlosen gesellschaft fügen wir aber [die] einheit von geistes- und handarbeit oder das … verschwinden ihrer scheidung hinzu.“

    man muss dabei noch hinzufügen, dass Rethel mit „geistesarbeit“ auch eine erkenntnistheorie meint. wenn das so stimmt, dann müsste jedes mitglied einer klassenlosen gesellschaft (auch) ein „philosoph“ sein. das klingt selbst mir nach zu viel „utopie“.

    die frage, die sich mir stellt, ist: ist die „naturalsierung“ des wertes ein produkt der „denkfaulheit“* (lebensroutine, weil man nichts anderes kennt) oder drückt sich wirklich damit eine „ideologie“ aus, dass der kapitalismus die beste aller welten sei? mir erscheint die erste erklärung plausibler. dann gäbe als lösungsansatz/handlungskonsequenz die „aufklärung“ (sich und andere) in verbindung mit „gesellschaftlichen kämpfen“
    (siehe dazu auch: https://linksunten.indymedia.org/de/node/207623)

    * und abstraktionen bedeuten ja auch eine psychische entlastung/vereinfachung/energieersparnis im leben. das darf man dabei auch nicht vergessen

  4. @:

    „allerdings sehe ich es als problematisch an, handeln mit ideologie ‚gleichzusetzen‘ (auch wenn sich im handeln die ideologie ‚verwirklicht‘). ansonsten würde jeder, der morgens in einer bäckerei brötchen kauft, damit auch das ‚wertgesetz‘ [+] verstanden haben.“

    Nee, Althusser bzw. Pascal sagen ja nicht, „Knie nieder, bete – und Du wirst ReligionswissenschaftlerIn sein.“ – sondern: „und Du wirst glauben“, – …, daß es hilft; daß Gott (oder die Göttin) existiert oder was auch immer.

    Ideologie ist für Althusser – mehr oder minder – spontanes ‚Bewußtsein‘ – nicht Wissenschaft.

    „Zum Verständnis des folgenden muß gesagt werden, daß sowohl der Leser wie der Verfasser dieser Zeilen selbst Subjekte sind, also ideologische Subjekte (was eine Tautologie ist); dh. sowohl der Verfasser wie der Leser dieser Zeilen leben ’spontan‘ oder auch ’naturwüchsig‘ in der Ideologie“
    http://www.b-books.de/texteprojekte/althusser/index.html

    „wenn es stimmt, daß die Darstellung der wirklichen Lebensbedingungen der Menschen als Agenten der Produktion, der Ausbeutung, der Unterdrückung, der Ideologisierung und der wissenschaftlichen Praxis, in letzter Instanz abhängt von den Produktionsverhältnissen und den von ihnen abgeleiteten Verhältnissen, dann kann gesagt werden, daß jede Ideologie in ihrer notwendigen imaginären Deformation nicht die existierenden Produktionsverhältnisse und die von ihnen abgeleiteten Verhältnisse darstellt, sondern vor allem das (imaginäre) Verhältnis der Individuen zu den Produktionsverhältnissen und den aus ihnen abgeleiteten Verhältnissen. In der Ideologie ist also nicht das System der wirklichen Verhältnisse dargestellt, die das Leben der Individuen beherrschen, sondern ihr imaginäres Verhältnis zu den wirklichen Verhältnissen, in denen sie leben.“
    ebd.

    Um von da (dem Beten; dem Brötchenkaufen) zur Wissenschaft zu kommen, bedarf es Althusser des epistemologischen Bruchs, den Du ausgeklammert hast.

    ——

    Und zur Ideologie und Praxis vllt. noch:

    „Das Ideo­lo­gi­sche, das sind nicht nur Ideen oder Ide­en­sys­teme,- wie Gramsci sehr gut gese­hen hat, sind es Ideen und Ver­hal­tens­wei­sen zugleich, Ideen im Ver­hal­ten, wel­che ein Gan­zes bil­den.“
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/andere/louis-althusser-ueber-brecht-und-marx/

    • Also:

      Ich würde sagen: Das mit dem Beten und dem religiösen Glauben ist (nach Althusser/Pascal) so ähnlich wie – nach Rosa Luxemburg (kritisch) und dem seinerzeitigen bayerischen SPD-Vorsitzenden Georg von Vollmar (affirmativ) – das einen bürgerlichen Staat Regieren und ihn – zumindest bedingt – zu bejahen.

      zwischen den gesetzgebenden Körpern und der Regierung eines bürgerlichen Staates ein wesentlicher Unterschied. In den Parlamenten können die Arbeitervertreter, wo sie mit ihren Forderungen nicht durchdringen können, sie doch wenigstens in der Weise vertreten, daß sie in oppositioneller Stellung verharren. Die Regierung hingegen, die die Ausführung der Gesetze, die Aktion zur Aufgabe hat, hat keinen Raum in ihrem Rahmen für eine prinzipielle Opposition, sie muß in allen ihren Gliedern und stets handeln, sie muß deshalb, auch wenn sie, wie in Frankreich seit einigen Jahren in den gemischten Ministerien, aus verschiedenen Parteivertretern besteht, doch stets einen grundsätzlich gemeinsamen Boden unter den Füßen haben, der ihr das Handeln ermöglicht, den Boden des Bestehenden, mit einem Wort, den Boden des bürgerlichen Staates. Der äußerste Vertreter des bürgerlichen Radikalismus kann im großen und ganzen mit dem rückständigsten Konservativen Seite an Seite regieren. Ein prinzipieller Gegner des Bestehenden hingegen steht vor der Alternative: entweder auf Schritt und Tritt der bürgerlichen Mehrheit in der Regierung Opposition zu machen, d. h., tatsächlich kein aktives Mitglied der Regierung zu sein – ein augenscheinlich unhaltbarer Zustand, der zur Entfernung des sozialistischen Mitgliedes aus der Regierung führen müßte – oder aber die Sache schließlich mitzumachen, die täglich zur Erhaltung und zum Fortlauf der Staatsmaschine in jedem Regierungszweig notwendigen Funktionen zu verrichten, d. h., tatsächlich kein Sozialist, wenigstens nicht in den Grenzen des Regierungsamtes, zu sein.“
      https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/07/taktisch.html – Hv. i.O.

      „die Sache schließlich mitzumachen, die täglich zur Erhaltung und zum Fortlauf der Staatsmaschine in jedem Regierungszweig notwendigen Funktionen zu verrichten“, erzwingt – jedenfalls wenn Schizophrenie vermieden werden soll – das eigene Tun für gut und richtig zu halten, also zur Partei der – wenn auch vielleicht nur „bedingten Bejahung“ (Vollmar) werden:

      Die SPD habe zwar, in dem sie bestimmte Regierungsentscheidungen kritisiere, „zunächst“ den Charakter einer „bedingt verneinenden Opposition“. Sie müsse aber „ihre Stimmenmacht bewußt und systematisch für die eine oder gegen die andere Koalition in die Waagschale (…) werfen. Sie muß dann unter Umständen sich auf die Seite der Partei stellen, die gerade an der Regierung ist, womit ihr Einfluß auf diese Regierung, zugleich aber auch ihr Interesse an ihr eine Steigerung erfährt. Selbst wenn (!) sie behufs Wahrung ihrer politischen Unabhängigkeit sich jedes formalen Anschlusses an die Regierungskoalition, insbesondere also die Beteiligung an Ministerien enthält, erhält sie durch die Natur der Dinge etwas vom Charakter einer Regierungspartei. Das heißt, wird – um an die gebrauchte Wendung anknüpfen – nunmehr Partei der bedingten Bejahung.“
      Georg von Vollmar, Eldorado-Rede, in: Iring Fetscher (Hg.), Der Marxismus. Seine Geschichte in Dokumenten. Band III, München, 1965, 248.

    • „Nee, Althusser bzw. Pascal sagen ja nicht, „Knie nieder, bete – und Du wirst ReligionswissenschaftlerIn sein.“ – sondern: „und Du wirst glauben“, – …, daß es hilft; daß Gott (oder die Göttin) existiert oder was auch immer.
      Ideologie ist für Althusser – mehr oder minder – spontanes ‚Bewußtsein‘ – nicht Wissenschaft.“

      die unterscheidung von „ideologie“ und „Wissenschaft“ leuchtet mir schon ein, obwohl ich den begriff „spontan“ auch nicht ganz unproblematisch finde. ist „rassismus“ z. b. ein „spontanes“ bewusstsein?
      allerdings bezweifel ich es stark, dass man zum „glauben“ kommen kann, indem man „niederkniet“; und schon gar nicht hilft es dabei, die frage zu beantworten, ob „gott oder die göttin existiert oder was auch immer“. denn diese fragen liegen jenseits der (gewöhnlichen) rationalität und ihre „beantwortung“ erfordert daher eine „jenseitige rationalität“ (transrationalität oder mystisches bewusstsein*). diese „bewusstseinsstufen“ existieren zwar, aber die frage, wie sie entstehen, liegt ungefähr auf derselben ebene wie die frage: „wie entstehen revolutionäre subjekte?“.
      * https://de.wikipedia.org/wiki/Mystik

      • @:

        „allerdings bezweifel ich es stark, dass man zum ‚glauben‘ kommen kann, indem man ’niederkniet‘; und schon gar nicht hilft es dabei, die frage zu beantworten, ob ‚gott oder die göttin existiert oder was auch immer‘.“

        a) Ja, Ideologie ist – auch nach Althusser – keine (zutreffende) Antwort auf die Frage, wie es wirklich ist.

        b) Die These von Althusser/Pascal bzgl. Beten und Glauben ist wohl nicht – auch, wenn das Pascals Formulierung nahelegt – chronologisch bzw. kausal zu verstehen:

        „Der Verweis auf Pascal hat bei Althusser dabei nicht den Sinn, das Knien als zeitlich vorgängig zum Glauben zu behaupten, sondern auf die Materialität der Ideologie, als eingeschrieben in Praxen und Ritualen, zu bestehen (vgl. Müller-Tuckfeld 1994, 200).“
        http://schaper-rinkel.eu/wp-content/uploads/2006/10/04schaper-r.pdf, S. 48; vgl.
        Jens Christian Müller-Tuckfeld, Gesetz ist Gesetz. Anmerkungen zu einer Theorie der juridischen Anrufung, in: Böke/Müller/Reinfeld (Hg.), Denkprozesse nach Althusser, Hamburg 1994; https://argument.de/produkt/denk-prozesse-nach-althusser/

        Siehe dazu noch einmal das obige Althusser-Zitat zu Gramsci: „Ideen und Ver­hal­tens­wei­sen zugleich, Ideen im Ver­hal­ten, wel­che ein Gan­zes bil­den“.

      • „Siehe dazu noch einmal das obige Althusser-Zitat zu Gramsci: „Ideen und Ver­hal­tens­wei­sen zugleich, Ideen im Ver­hal­ten, wel­che ein Gan­zes bil­den“.“

        ja, diesen zusammenhang sehe ich auch. und wenn die handlung nicht chronologisch vorangegehend oder kausal gemeint ist, dann erscheint mir das auch völlig in ordnung zu sein.
        nur, um noch mal auf das beispiel des brötchenkaufens zu kommen: im kauf und verkauf findet die „naturalisierung des wertes“ (Adorno) statt. aber der käufer (falls er keine KAPITAL-schulung hat) weiss doch gar nichts von der abstraktion im wertverhältnis, hat also gar keine „idee“ davon und handelt aber trotzdem gemäss der logik des wertetauschs. wo kann denn da die ideologiekritik ansetzten? ich sehe gar nicht, dass man in diesem beispiel mit „ideologiekritik“ weiterkommen würde. wie würdest du denn das dann hier (an diesem beispiel) mit der „ideologie“ erklären?

      • Mmh. –

        AlthusseristInnen sprechen (anders als FrankfurterInnen) gar nicht – abstrakt – von „Ideologiekritik“, denn sie gehen davon aus, daß es auch im Kommunismus noch „Ideologie“ geben wird – da auch der Kommunismus keine spontan durchsichtige, sondern ziemlich komplexe Gesellschaft,

        „Ideologie“ also weiterhin notwendig sein wird, um spontan handlungsfähig zu sein. –

        „Ideologiekritik“ findet für AlthusserInnen auf zwei Ebenen konkret statt:

        ++ (1.) als Überwindung ideologischen Glaubens durch wissenschaftliche Einsichten

        und

        ++ (2.) als Ablösung herrschender (affirmativer) durch widerständiger/revolutionärer (kritischer) Ideologie.

        „Nun wird man natürlich sagen, daß auch die kommunistische Partei sich – wie alle Parteien – auf der Basis einer Ideologie konstituiere, die sie im übrigen selbst als proletarische Ideologie bezeichnet. Gewiß. Auch bei ihr spielt die Ideologie die Rolle des ‚Zements‘ (Gramsci) einer bestimmten sozialen Gruppen, die sie in ihrem Denken und ihren Praxen vereinheitlicht. Auch bei ihr ‚ruft‘ diese Ideologie ‚die Individuen als Subjekte an‘, genau genommen als Kämpfer-Subjekte“ – oder als KampferInnen-Subjekt? (Bisher nicht so wirklich, oder?)

        L.A., Anmerkung über ideologische Staatsapparate, in: ders., Ideologie und ideologische Staatsapparate, a.a.O. [irgendein Kommentar weiter oben, oder?], 154 – 168 [164])

      • „Auch bei ihr [der kommunistischen partei] ‚ruft‘ diese Ideologie ‚die Individuen als Subjekte an‘, genau genommen als Kämpfer-Subjekte“ – oder als KampferInnen-Subjekt? (Bisher nicht so wirklich, oder?)“

        na ja, auf einer rein propagandistischen ebene vlt schon. aber ich kenne kein beispiel dafür, dass aus propaganda (klassen)kampfformen hervorgegangen sind. natürlich können kämpfe ‚ideologisch‘ vorbereitet werden, wenn es ein gewisses mass an verankerung gibt, aber dann hat ja bereits in der ‚basis‘ eine gewisse gärung eingesetzt. ich denke, kämpfe können nur ‚von unten‘ entstehen – eine parteiförmige organisation kann sowas dann natürlich unterstützen (sowohl logistisch als auch ‚programmatisch‘) – aber eine partei kann die soziale gärung nicht ersetzen; sie kann höchstens EIN ferment (unter vielen) dabei sein.

        nur noch kurz was zum ideologie-begriff: streng marxistisch gesehen ist der ausdruck „proletarische ideologie“ natürlich „falsch“ (unkritisch), denn der marxismus soll ja „wissenschaftlich“ sein. in diesem fall aber muss ich den „Althusseristen“ tatsächlich mal recht geben 😉 , dass dieser strenge „ideologie“-begriff (oder wissenschafts-begriff) ein unrealistisches ideal darstellt, der im wahren leben im regelfall nicht zu verwirklichen sein wird.

        mit so einem hohen anspruch würde man sich letztlich jeglicher politischer handlungsmöglichkeiten berauben, zumindest wenn sie einigermassen ‚zeitnah‘ sein sollen. und es gibt keine politik ohne zeitfaktor!

  5. „Marx nimmt also die grob materialistische, fetischistische Denkweise der Ökonomen aufs Korn. Er wirft ihnen vor, dass sie weder historischen Sinn noch historische Kenntnisse haben, dass sie weder abstrahieren noch differenzieren können, sondern sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in den plattesten Alltagsweisheiten von »Angebot und Nachfrage« herumtreiben und diese kritik- und gedankenlos reproduzieren. Er wirft ihnen mit einem Wort metaphysisches und falsches abstraktes Denken vor, das Zusammenhänge nicht begreift und Verhältnisse nicht erfasst, geschweige denn Veränderungs- und Entwicklungsprozesse. Das ist kein Zufall, die »bürgerliche Denktretmühle«, wie Marx diese Form des metaphysischen Denkens nennt, kommt nicht von ungefähr. Der moderne Kapitalismus hat eine wahre Alltagsreligion hervorgebracht, auf der seine ungebrochene Herrschaft als Wirtschaftssystem beruht – von der zeitweiligen Hegemonie einzelner wirtschafts- und finanzpolitischer Doktrinen wie etwa des Neoliberalismus noch ganz abgesehen. Bis zum heutigen Tag beherrscht diese fetischistische Alltagsreligion die Köpfe, bis zum heutigen Tag glauben Ökonomen wie die praktisch tätigen Kapitalisten z. B., dass »Kapital« irgendwie »Wert« schafft, also »produktiv« ist, sie glauben ganz selbstverständlich, dass Grund und Boden einen Preis haben muss und an »Wert« gewinnen oder verlieren kann, so wie sie auch daran glauben, dass Wertpapiere eine »Rendite« abwerfen und alles und jedes einen Preis hat. So wie sie glauben, dass der Mensch von Natur aus für den »Arbeitsmarkt« bestimmt und jedermann eigentlich ein Kapitalist ist, der »investiert« oder »desinvestiert, so wie sie glauben, dass der »Markt« sich selbst reguliert und immer recht hat.“
    — Michael Krätke https://www.jungewelt.de/artikel/311350.eine-folgenreiche-publikation.html

  6. wenn man das ernst nimmt, was Krätke über Marx schreibt, dann beruht der „kapitalismus“ auf einem „fetisch-bewusstsein“ (waren- und wertfetisch), das aber, im gegensatz zur magie der naturvölker, mit der gesellschaftlichen (bürgerlichen) ‚rationalität‘ übereinstimmt*. selbst wenn man also dieses fetisch-bewusstsein als „ideologie“ entlarvt, wird es aber damit noch lange nicht aufgebrochen. und es scheint mir weitgehend offen zu sein, an welcher stelle sich eine „bruchlinie“ ergeben könnte. und der existentielle zwang, seine arbeitskraft zu markte zu tragen, bleibt ja ebenfalls weiter bestehen.

    *dies entspricht ja auch dem ansatz der sog. „wertkritik“, auch wenn ich sie ansonsten eher kritisch sehe https://de.wikipedia.org/wiki/Wertkritik

  7. Einige Zitat aus Etienne Balibars On the theory of fetishism (= Abschnitt I von: Self Criticism: Answer to Questions from ‚Theoretical Practice‘, in: Theoretical Practice Iss. 7-8, 1973, 56 – 72)

    Dazu hier noch einige Balibar-Zitate:

    „The theory of ‚fetishism‘ […] as a theory (I insist on this specification), it is totally idealist. On this particular, but decisive point, the rupture with idealism has not taken place.“ (57, linke Spalte)

    Die Theorie des „Fetischismus“ verhindert eine rigorose Analyse der Materialität ideologischer Praxen und begnügt sich statt dessen mit einer vagen ‚Ableitung‘ (vgl. dort) aus der ökonomischen ‚Sphäre‘:

    „Why totally idealist? Because it prevents a materialist theory of ideology, it is an obstacle to it precisely where that theory is required: in the explanation of an ideological effect. As we are now beginning to realise, an ideological effect […] can only be explained by a positive cause, the existence and functioning of ideological social relations historically constituted in the class struggle. Specific social relations really distinct from the relations of production although they are determined by the latter ‚in the last instance‘. Really distinct means realised, materialised in specific practices, depending on special ideological apparatuses, etc. […]. Moreover, such a representation is already outlined in Marx, not so much in Capital, but as a function of certain conjunctures of the political struggle (cf. already the third section of the Communist Manifesto). But it does not begin to take a general form (and it cannot become a theory strictly speaking) until Mao Tse-tung or his period (on the practical basis of the ‚cultural revolution‘).“ (57, rechte Sp.)

    „throughout Part One [of Capital], Marx has ‚logically‘ developed the abstract (universal) and simultaneously concrete (immediately present in ’no matter what‘ everyday exchange of ’no matter what‘ product of labour) form of the commodity, represented as a subject. […]. It is thus a genesis of the subject [… -] a genesis of the subject as an ‚alienated‘ subject […]. That is why, after having been stated by Marx in a Hegelian-Feuerbachian problematic, […].“ (58, linke Spalte)

    Die Theorie des „Fetischismus“ impliziert eine Utopie des Verschwindens der Ideologien:

    „In consequence, not only does the theory of the fetishism of commodities prevent the scientific explanation of the special ideological effects implied by commodity circulation, it also prevents our thinking their revolutionary transformation: it makes it seem that the ‚transparency‘ of social relations is an automatic effect […] of the suppression of ‚commodity categories‘, i.e., of the commodity. It is a theory of ideology in general, of the historically transitory role of ideology in general: if it is to be believed, one fine day not only will there no longer be class ideologies, but, as there will no longer be any commodities, there will no longer be any ideology at all. Alienation, then suppression of alienation.“ (58, rechte Spalte)

    „In other words, the theory of fetishism can never truly think that subject is an ideological notion (elaborated first of all within juridical ideology). On the contrary, it seems to make the notion of ’subject‘ the scientific‘ concept of ideology.“ (59, linke Spalte)

    Eine deutlich längere, in drei Unterabschnitte untergliederte, spätere frz. Fassung dieses Balibar-Textes ist unter der Adresse http://www.marx2mao.com/Other/CEMH74.pdf, S. 206 – 227 zugänglich. Ich wollte bei Gelegenheit die dt. Übersetzung [*] der frz. Fassung zugänglich machen… (http://theoriealspraxis.blogsport.de/1996/10/15/die-krisis-nunmehr-exit-und-das-geschlechterverhaeltnis/) – kam ich aber bisher nicht zu…

    [*] Etienne Balibar, Über historische Dialektik. Kritische Anmerkungen zu Lire le Capital, in: Axel Honneth / Urs Jaeggi : Theorien des historischen Materialismus, Frankfurt am Main, 1977, 293 – 342.

  8. zum epistemologischen Bruch zitiert TaP in einem neuen text zur [sozialen] „struktur„:

    „Diesen Begriff hat Gaston Bachelard in seinem Werk ‚La Formation de l’esprit scientifique’ [dt.: Die Bildung des wissenschaftlichen
    Geistes, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 19843] eingeführt. […] Er beschreibt den Sprung von einer vorwissenschaftlichen
    Ideenwelt zur wissenschaftlichen; dieser Sprung bedeutet, daß mit dem Muster und dem Bezugsrahmen der vorwissenschaftlichen
    (ideologischen) Vorstellungen radikal gebrochen und daß ein neues Erklärungsmuster aufgestellt wird […].
    Poultanzas verwendet diesen Begriff in Anlehnung an Althusser, um mit den Tatbestand zu beschreiben, daß Marx später die
    Hegelsche und Feuerbachsche Ideologie seiner Jugendwerke verworfen und in seinen späteren Werken die Grundbegriffe
    des dialektischen und historischen Materialismus entworfen hat.“ (Günter Seib: Glossar, in: Nicos Poulantzas, Politische
    Macht und gesellschaftliche Klassen, Äthenäum Fischer: Frankfurt am Main, 19752, 358 – 365. [358])
    „Vor Marx war das, was man den ‚Kontinent Geschichte’ nennen kann, von ideologischen Konzeptionen religiöser oder moralischer
    oder juristisch-politischer Art besetzt, mit einem Wort von Geschichtsphilosophien. […]. Wir haben gezeigt, daß Marx die
    alten Grundbegriffe (wir haben sie statt ‚concepts’ ‚notions’ genannt) der Geschichtsphilosophien durch absolut neue, bisher
    nicht dagewesene in den alten Konzeptionen ‚unauffindbare’ Begriffe ersetzt hatte. Wo die Geschichtsphilosophien von
    Mensch, ökonomischen Subjekt, Bedürfnis, System der Bedürfnisse, Bürgerlicher Gesellschaft, Entfremdung, Diebstahl, Unrecht,
    Geist, Freiheit, ja auch von ‚Gesellschaft’ sprachen, da hat Marx angefangen von Produktionsweise, Produktivkräften,
    Produktionsverhältnisse, Gesellschaftsformation, Basis, Überbau, Ideologien, Klassen, Klassenkampf usw. zu sprechen.“
    (Louis Althusser: Die Bedingungen der wissenschaftlichen Entdeckung von Marx. Über die neue Definition der Philosophie
    [1970], in: Horst Arenz / Joachim Bischoff / Urs Jaeggi (Hg.), Was ist revolutionärer Marxismus? Kontroverse über Grundfragen
    marxistischer Theorie zwischen Louis Althusser und John Lewis, VSA: Westberlin, 1973, 77 – 88 [77, 80] – Hv. d. Vf.In)“ http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/Was_heisst_strukturell__TEIL_EINS.pdf

    ob das stimmt, nicht stimmt oder halb stimmt, dazu kann ich ich wirklich nix sagen. da sollen sich die Marx-exegeten drüber streiten.

  9. ich persönlich hätte jedenfalls mit Hegel und Feuerbach gar keine probleme, zumindest so lange, wie ich um ihre grenzen weiss. was natürlich die grenzen von Marx ebenfalls einschliesst. eine absolute* „wissenschaft“, wie sie offenbar Althusser unterstellt, ist ja schon wieder selber eine „ideologie“. bloss, eine noch viele schlimmere und tyrannischere*, weil sie sich als „wissenschaft“ maskiert, und damit nicht mehr kritisierbar und angreifbar wird, wenn man nicht als „fortschrittsfeind“ denunziert werden will. Stalin und Mao hatten einen Gulag, um ihrer Macht nachdruck zu verleihen**. Althusser und TaP nur …. texte.
    * https://de.wikipedia.org/wiki/Tyrannei

    eine gesellschaftstheorie, die nicht die persönliche (weiter)entwicklung und dem „fehlermachen“, ja eine regelrechte „fehlerkultur“, mit auf dem schirm hat, und statt dessen alles „plattideologiedekonstruktivkritisiert“ kann nur in einer reproduktion der „alten scheisse“ (Marx) von „herrschafts-“ und unterdrückungsformen (moralische reglementierung, „maximales druckausüben“) enden; nur dann OHNE liberale freiheitsrechte, wie es im untergegangenen „real“-„sozialismus“ der fall war. soll DAS die schöne neue welt sein?

    *“Im Vorwort zum drei Jahre später erschienenen „Das Kapital lesen“ formuliert Althusser in scheinbarer Frageform seine These: „Begründet ‚Das Kapital‘ sowohl in seinem Gegenstand wie in seiner Theorie und Methode eine wirkliche wissenschaftliche Umwälzung? Ist ‚Das Kapital‘ Ausdruck der Begründung einer neuen Disziplin, der Begründung einer völlig neuen Wissenschaft, und damit ein wirkliches Ereignis, eine theoretische Revolution, die mit einem Schlag die klassische politische Ökonomie und die Hegelsche und Feuerbachsche Ideologie in die Vorgeschichte verweist? Ist ‚Das Kapital‘ der absolute [sic!!!] Beginn der Geschichte einer Wissenschaft? Und wenn diese Wissenschaft nichts anderes ist als die Theorie der Geschichte selbst, erlaubt sie dann nicht rückläufig die Erkenntnis ihrer eigenen Vorgeschichte? Ist es dann nicht endlich möglich, im Bereich der klassischen Ökonomie und der philosophischen Jugendwerke von Marx zu klaren Ergebnissen zu kommen?““–http://www.zeit.de/1990/45/am-endpunkt/komplettansicht

    ** „Wenn Althusser z.B. streng zwischen wissenschaftlichen und ideologischen BEGRIFFEN unterscheidet, (Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Gesellschaftsformationen = wissenschaftliche, Humanismus, Entfremdung, Fetischismus = ideologische Begriffe) so trägt er damit unwillkürlich selbst zur Ideologisierung (Entwissenschaftlichung) gerade der scheinbar aus sich selbst heraus „wissenschaftlichen“ Begriffe bei.
    Er beachtete offenbar nicht, dass kontextlos benutzte BEGRIFFE unwillkürlich einen Fetischcharakter annehmen. Sie werden als mit eigenem Geist beseelt vorgestellt (Objekt-Subjekt-Verkehrung) und auf der Grundlage auch leicht zum Mittel politischer Manipulation. Nicht zuletzt der zur Legitimationsideologie gewordene „Marxismus“ des Realsozialismus hatte das verdeutlicht. Dessen Floskel von der „wissenschaftlichen Weltanschauung“ diente vor allem als ein Mittel autoritärer Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsanmaßung und ähnelte darin nicht ohne Zufall dem „Gottesgnadentum“ absolutistischer Herrscher.“
    https://oekohumanismus.wordpress.com/2012/08/28/zu-althussers-anti-humanismus/

  10. ich denke jedenfalls, Marx wusste schon, warum er sagte:
    „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.“ 😉
    https://de.wikiquote.org/wiki/Marxist

    wie ich mal bei facebook schrieb: es kann keine „wissenschaft der befreiung“ geben, sondern nur ihre „poesie“. (was die notwendigkeit „wissenschaftlicher theorien“ natürlich nicht ausschliesst)

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