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Frauen im Oktober

[von Markus Oliver, gruppe RIO, 23.11.2012]

Frauen im Oktober

Zum 95. Jahrestag: Die Oktoberrevolution und die Frauenbefreiung 

Es ist der 6. November 1917[1] und die provisorische Regierung Russlands wendet ihren Repressionsapparat gegen die Hauptstadt Petrograd. Die nächsten Stunden werden einen historischen Sprung einleiten, der die Welt erschüttern und auf ewig zeichnen wird.

Nur acht Monate zuvor ging dieses bröckelnde Regime aus der Februarrevolution hervor. Damals löste ein mutiger Streik der petrograder Textilarbeiterinnen einen Aufstand aus, der den Zarismus stürzte. An die Stelle des Zaren trat eine bürgerliche Regierung, doch diese war unwillig, die feudalen und kapitalistischen Eigentumsverhältnisse anzurühren, geschweige denn, den vom Absolutismus geformten Staatsapparat zu zerschlagen. Deshalb war sie unfähig, die Forderungen der LohnarbeiterInnen, der in Armut gehaltenen Bauern/Bäuerinnen sowie deren kriegsmüder Klassengeschwister an der Front zu erfüllen.

Doch die provisorische Regierung war nicht das einzige Ergebnis der Februarrevolution. Ein System von Räten ging ebenfalls aus dem Erwachen der unterdrückten Klassen hervor. Diese sich herausbildende demokratische Rätemacht erlangte immer mehr von jener Legitimität bei den breiten Massen, die die provisorische Regierung mit jedem Tag verspielte.

Als die provisorische Regierung an jenem 6. November in Petrograd zum Angriff überging, um die entstandene Doppelmacht zwischen ihr und den Räten zu beenden, legte sie Feuer an die Lunte der größten proletarischen Revolution, die die Geschichte bisher kannte. Von der Verteidigung zum Angriff übergehend ergriff die ArbeiterInnenklasse unter der von ihr selbst gewählten Führung der Bolschewiki die politische Macht[2].

Und die Frauen?

Diese Geschichte ist bekannt – weniger bekannt ist, was die Oktoberrevolution für die Befreiung der lohnabhängigen Frauen[3] bedeutete. Für viele politische AktivistInnen und FeministInnen heute ist die notwendige Verbindung von Frauenbefreiung und proletarischer Revolution nicht erkennbar. Jedoch haben wir die elementarsten Schritte in Richtung einer tatsächlichen Gleichberechtigung den historischen Klassenkämpfen der lohnabhängigen Klasse zu verdanken.

Die Oktoberrevolution hat in den ersten Jahren ihres Bestehens enorme soziale Fortschritte in der Frauenbefreiung vollbracht. Bereits Marx und Engels haben festgestellt, dass sich das Patriarchat in der Klassenspaltung der Gesellschaft und deren Familienform (heute der bürgerlichen Familie) begründet. Eine Aufhebung des Patriarchats ist nur möglich durch eine gesellschaftliche Umwandlung dieser Familienform, basierend auf gleichen Arbeitsrechten und -pflichten aller Menschen, unabhängig von Geschlecht und nur von tatsächlichen körperlichen Schutznotwendigkeiten (Schwangerschaft, Alter, Krankheit) beschränkt.

Dass die Ungleichheit am Arbeitsplatz die Ungleichheit im Haushalt bestimmt, und umgekehrt, wussten wohl die damaligen russischen Arbeiterinnen am Besten: Bereits vor dem ersten Weltkrieg war ihr Lohn nur halb so groß wie der ihrer Kollegen. Während des Kriegs sank er auf 40%. Das galt natürlich nur für die lohnabhängigen Frauen, die Arbeit finden konnten – die anderen stellten stets die erdrückende Mehrheit unter den Arbeitslosen. Es ist klar, warum die Februarrevolution bei den Textilarbeiterinnen begann.

Die Oktoberrevolution stellte die Bedingungen für eine Aufhebung des Patriarchats. Die „Zhenotdel“ waren in der sowjetischen Gesellschaft sowie in der Kommunistischen Internationale und deren Parteien Sonderorgane zur revolutionären Politik unter den Arbeiterinnen, Bäuerinnen und Hausfrauen. Im sowjetischen Russland sollten sie die Frauen am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft beteiligen, um ihre spezifischen Interessen tatsächlich verwirklichen zu können. Arbeitsrecht und -pflicht wurde auf alle Arbeiterinnen und Arbeiter ausgedehnt. Öffentliche Waschhäuser, Kantinen und Tagesstätten sollten in zunehmender Zahl die Hausarbeit vergesellschaften. Die staatliche Ehe wurde zur Sache einfacher, freier Unterschriften und historisch erstmals auch in gleichgeschlechtlicher Form legalisiert. Ebenso die Scheidungen, die lediglich die formale Willensbekundung eines/einer einzelnen Ehepartners/in notwendig machte, flankiert von Mutterschutz. Eheliche und Uneheliche Kinder wurden dementsprechend gleichgestellt. Damit die gerichtliche Realität diesen Vorgaben entsprach, wurden zunehmend Richterinnen ausgebildet. Auch war die aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Gesellschaft die erste auf der Welt, die Abtreibung vollends legalisierte und nach wirtschaftlichen Möglichkeiten kostenlose und medizinisch qualifizierte Abtreibung zunehmend zur Verfügung stellte.

Stalinistisches Patriarchat

Krieg und die internationale Isolation infolge der Niederschlagung der Revolutionsversuche im restlichen Europa forderten ihren Preis von Sowjetrussland: Die revolutionäre Kraft und Ausdauer der breiten Massen schwand. Das entstandene Machtvakuum füllte eine neue herrschende Bürokratie. Sie entstand aus der Staatsmacht, die ohne den revolutionären Druck und die demokratische Kontrolle der Räte ein dominantes Eigeninteresse der Selbsterhaltung entwickelte. Die ArbeiterInnenklasse wurde entmündigt, der Internationalismus abgeschrieben und auch das Patriarchat feierte sein comeback: Die bürgerliche Familie wurde zur „kleinsten Zelle des Sozialismus“ erklärt und die Abtreibung verboten. Die Rückverlagerung der Reproduktionsarbeit ins Private auf Kosten der Frauen verdoppelte deren Last: Auch in der DDR sahen wir die „berufstätige Mutter“ als doppelte Arbeiterin im Betrieb und Haushalt, in ersterem unterbezahlt und in letzterem gar nicht bezahlt[4]. Homosexualität fiel in der stalinistischen Ideologie zurück in die Kategorie „Geisteskrankheit“.

Triumph und Niedergang der Oktoberrevolution haben so das Potential und die Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution gezeigt. Die Oktoberrevolution und auch ihre Degeneration im Stalinismus zeigen: Keine Frauenbefreiung ohne Revolution und keine Revolution ohne Frauenbefreiung!

Fußnoten

[1]. Nach dem julianischen Kalender der 25. Oktober.

[2]. Soeben im Trotzki-Archiv erschienen: „Verteidigung der Oktoberrevolution. Die Kopenhagener Rede.“ Erhältlich als Broschüre oder online. http://trotzkismus.wordpress.com.

[3]. Wir sind uns des rein gesellschaftlichen Charakters der Zweigeschlechtlichkeit bewusst. Jedoch ist die gesellschaftliche Kategorisierung als „Frau“ gegenwärtig Realität für alle jene Menschen, die unter dieser Kategorisierung besonders unterdrückt und ausgebeutet werden. Eine Gesellschaft fern dieser sexistischen Zwänge ist nur mit einer Politik zu erreichen, die diese Zwänge heute als gesellschaftliche Realität wahrnimmt.

[4]. Mehr zur Lage der Frauen im Stalinismus: Kampftag der Arbeiterinnen.

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