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Überlegungen zum „Zeitgeist“ (und zur Autorität)

„Die materialistische Lehre, daß die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergißt, daß die Umstände eben von den Menschen verändert werden und daß der Erzieher selbst erzogen werden muß.“ (Karl Marx)

dass ich hier auf dem blog in letzter zeit hauptsächlich filmbesprechungen geschrieben habe, liegt nicht daran, dass ich mich generell vom ‚politischen‘ verabschiedet hätte. ich denke nur, dass die bisherigen konzepte vom politischen handeln mehr oder weniger gescheitert sind. dies aber nicht (nur) wegen irgendwelcher (theoretischen) unzulänglichkeiten, sondern weil sich die gesellschaftlichen bedingungen und begleitumstände verändert haben. ein wichtiger indikator für diese veränderten bedingungen ist die entwicklung der neuen medien, die auch auswirkungen auf die bewusstseins- und kulturentwicklung hat.

dies ist auch der grund, warum ich mich von direkt ‚politischen‘ themen auf die kulturkritik umorientiert habe. und da mich filme am meisten interessieren, bin ich folgerichtig bei filmkritiken gelandet. nichtsdestotrotz versuche ich aber trotzdem bei einigen aktuellen themen zumindest so weit informiert zu bleiben oder zu sein, dass ich wenigstens mitreden kann. so ist es zum beispiel unmöglich, am thema corona vorzukommen (auch wenn es mich persönlich gar nicht so umtreibt).

die linke bloggerin DGS (TheoriealsPraxis) hat kürzlich bei freie-radios.net ein interessantes interview gegeben zum stand der corona-politik(en) und möglichkeiten ‚linker‘ intervention(en). nichts in dem interview erregt mein missfallen, aber in bin ans grübeln gekommen, als sich DGS für eine impfpflicht ausgesprochen hat.

Corona-Proteste: Wie groß ist die Gefahr der Radikalisierung? | NDR.de -  Kultur

ohne frage sind die corana-proteste stark von irrationalität durchzogen (bildquelle: NDR)

nun möchte ich gleich vorausschicken, dass ich im thema corona nicht tiefer drin stecke. und ich will auch nicht abstreiten, dass eine impfpflicht eine gesundheitspolitisch sinnvolle massnahme sein könnte. bloss, wenn ich mir die gesellschaftlichen debatten um corona so anschaue, habe ich starke bedenken, was die demokratie-politschen auswirkungen betrifft (die rechtspolitischen bedenken würde ich erst mal zurückstellen wollen).

auch der moderator muss dabei wohl leicht ins schleudern geraten sein, als er als reaktion auf DGS‘ positionierung auf den widerspruch von ‚autoritären‘ massnahmen und (emanzipatorischer) einsichtsfähigkeit zumindest hingewiesen hatte; wohl wissend, dass dieser widerspruch nicht so ohne weiteres ausflösbar ist.

als ’stramme leninistin‚ hat DGS aber keine grossen probleme mit ‚autoritären‘ massnahmen. so schreibt sie in einem kommentar:

„Ja klar, ist eine – insb. buß- oder zwangsgeld-bewehrte – Impfpflicht „autoritär“; aber das sind auch bußgeld-bewehrte Geschwindigkeitsbegrenzungen beim Auto fahren und zwangsgeld-bewehrte Fristen, die Einkommenssteuererklärung beim Finanzamt einzureichen. – So läuft das halt vor dem Kommunismus.“

dass die bürgerliche gesellschaft tendenziell eher ‚autoritär‘ reglementiert wird, wissen ‚linke‘ (aller coleur) eigentlich schon länger. unter anderem deshalb haben sie auch immer versucht, oppositionelle politiken zu entwickeln. ich stimme aber DGS ausdrücklich zu, dass es keinen sinn macht, nicht das kräfteverhältnis zu berücksichtigen. und das kräfteverhältnis ist für ‚linke‘ im moment nun mal ziemlich suboptimal.

interessant an dem obigen zitat ist auch die strenge trennung von jetztzustand und (utopischem?) [end]ziel. während es bei Marx und Engels noch hiess:

„Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“

scheint es bei DGS nur die (realistische) realpolitik und das wolkenkuckucksheim in einer weit entfernten zukunft zu geben. dass die ‚wirkliche bewegung‘ im moment ziemlich am boden liegt, sehe ich ja auch so, aber deswegen zum ‚linken claqueur‘ bürgerlich-systemischer handlungszwänge zu werden, scheint mir auch keine lösung zu sein.

da ich aber auch nicht weiss, wie die brücke vom jetzt zum besseren geschlagen werden kann, werde ich mich weiterhin mit kultur- und filmkritiken beschäftigen.

vielleicht hat die ‚linke‘ (in deutschland) aber auch schon ihren zenit überschritten und befindet sich fortan nur noch in der suche nach der (längst) verlorenen zeit.

so zumindest ist es mein gefühl. allerdings darf man den widerstand auch nicht den rechten und obskurantisten überlassen!

im persönlichen umfeld kann jeder seinen möglichen beitrag leisten. und jeder weiss ja, was aus einem funken werden kann. 😉

„Warum begnügen sich die Antiautoritarier nicht damit, gegen die politische Autorität, den Staat, zu wettern? Alle Sozialisten sind einer Meinung darüber, daß der politische Staat und mit ihm die politische Autorität im Gefolge der nächsten sozialen Revolution verschwinden werden, und das bedeutet, daß die öffentlichen Funktionen ihren politischen Charakter verlieren und sich in einfache administrative Funktionen verwandeln werden, die die wahren sozialen Interessen hüten. Aber die Antiautoritarier fordern, daß der autoritäre politische Staat auf einen Schlag abgeschafft werde, bevor noch die sozialen Bedingungen vernichtet sind, die ihn haben entstehen lassen. Sie fordern, daß der erste Akt der sozialen Revolution die Abschaffung der Autorität sei. Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen. Hätte die Pariser Kommune nur einen einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volks bedient hätte? Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, daß sie sich ihrer nicht umfassend genug bedient hat?“ (Friedrich Engels)

Ist möglicherweise ein Bild von 1 Person und Text „Freiheit wird nie geschenkt, immer nur gewonnen. (Heinrich Böll) gutezitate.com“

5 Kommentare zu “Überlegungen zum „Zeitgeist“ (und zur Autorität)

  1. „Die Impfskepsis erscheint von daher viel eher als eine Reaktion auf den Standard-Heilansatz der technisierten Medizin: die partielle (Selbst-) Entmächtigung des Patienten. Was damit gemeint ist, macht eine Definition des Oxford English Dictionary deutlich: «Der Patient ist eine Person, die Schmerz, Leid, Unbilden usw. erduldet, gelassen, ohne Unbehagen oder Klage, in ruhiger Erwartung.»
    Die ruhige Erwartung ist dem zornigen Unbehagen des Bürgers gewichen, der nicht einfach «Erdulder» sein will. Er ermächtigt sich selbst. Und zwar nicht in dem Sinn, dass er auf moderne medizinische Behandlung verzichtet, sondern wagt, sich seines eigenen Körperverstandes zu bedienen. An die Stelle des Patienten tritt der körpermündige Citoyen. Körpermündigkeit auch im Sinne von Solidarität – das könnte der Anfang einer aufgeklärten Kultur der Gesundheit und Krankheit sein. Oder doch bloss eine Utopie?“

    https://www.nzz.ch/meinung/wem-gehoert-meine-gesundheit-impfskepsis-tiefer-betrachtet-ld.1663630

  2. Hallo Herr Schillhahn,

    es gibt einen hervorragenden Film über den Kapitalismus, der sehr kritisch, von Marx und Engels unterlegt ,dieses ausbeuterische System offenlegt.

    Wenn mir jetzt nur der Name vom Regisseur einfiele……..Ich recherchiere nachher ,weil ich gleich los muss. melde mich dann nochmal.

    Hannah Arendt stellt die Frage:“ Brauchen wir Politik?

    Den Geist füllen und nicht den Konsum……….

    • Hallo Nora,

      vielen dank für deinen kommentar. 🙂
      beim film könnte es sich vlt um diesen handeln: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_junge_Karl_Marx
      ,der sehr gut ist.‘
      brauchen wir politik? ist eine frage, wie sehr die (gruppen) interessen widerstreiten; wobei ich an eine vollkommen harmonische gesellschaft nicht (mehr) glauben kann.
      den fokus auf den geist zu legen, scheint mir sehr sinnvoll zu sein, denn der mensch lebt nicht vom brot allein. aber ganz ohne brot und materielle ’sicherheiten’isrt es auch sehr schwierig. 😉

      bis hoffentlich irgendwann,
      Joachim 🙂

  3. „Große Teile der Linken agierten in der Pandemie sehr staatsfixiert und trugen autoritäre Maßnahmen wie den Großen Lockdown mit oder forderten gar seine Verschärfung. Das führte dazu, dass Teile des grün-alternativen Spektrums ins andere Lager umschwenkten und immer stärker nach rechts offen wurden. Das ist ein Problem. Die Linke hätte eine eigenständige Position entwickeln müssen, die nicht autoritätsgläubig ist, sondern präzise, gesundheitswissenschaftlich und epidemiologisch ausgewiesene Gegenmaßnahmen mit einer Kampagne zur sofortigen Entkommerzialisierung und Rekommunalisierung des Gesundheitswesens verbindet.“

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1161466.karl-heinz-roth-zur-corona-pandemie-zero-covid-war-eurozentristisch-und-extrem-staatsfixiert.html?bk2iOaU

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