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Marxismus oder Dogmatismus

Antwort auf DGS: Warum ich keinE TrotzkistIn bin…

der text von DGS verlangt eine etwas umfangreichere
antwort, da er — leider — seine kritik am „trotzkismus“
am beispiel der mandelianischen „vierten“ internationale
ausübt. gleichzeitig hat dies aber auch vorteile, denn seine
kritik bestätigt implizit die kritiker der verschiedenen
„trotzkistischen“ oppositionsströmungen am sog. „pabloismus“,
auch wenn diese kritiken unterschiedliche qualitäten aufweisen.
und DGS kennt sich gut genug mit dem „trotzkismus“ aus,
um das zu wissen.
der übersichtlichkeit (und der länge) halber beschränke ich mich auf „nur“ folgende drei themen. (und das ist schon umfänglich genug)

1 — welche haltung zum realsozialismus/stalinismus

ich teile durchaus die bedenken, die DGS gegen den „bürokratie“-begriff hat. offensichtlich wurde dieser begriff für verschiedene phönomene verwendet, um dadurch eine abweichung von einer „norm“ auszudrücken. das wäre eine durchaus idealistische methode. und tatsächlich haben voluntarismus und idealismus eine grosse innere verwandtschaft. auch ist es keineswegs so, dass die „basis“ immer das „revolutionäre“ will und der „apparat“ immer bremst. eher scheint es so zu sein, dass insbesondere der mittlere funktionärskader häufig „radikaler“ ist als die „basis“, die nicht selten eine erstaunliche haftung am konservatismus aufrechterhält.

als trotzki in seiner analyse der UdSSR („verratene revolution“) den bürokratie-begriff einführte, war er sich der historischen vorläufigkiet seiner thesen bewusst, denn alles war noch im wandel und fluss. ich kann hier unmöglich eine „kurze geschichte der sowjetunion von 1917 bis — sagen wir  — den „moskauer prozessen“ (1936) darstellen. darum muss ich das alles etwas holzschnittartig formulieren. die entscheidene voraussetzung der bolschewistischen revolution war die hoffnung, dass der funke von russland auf andere länder (insbesondere deutschland) überspringt. wir alle wissen, dass das nicht gesschah. was blieb den revolutionären also anderes übrig als sich so gut wie möglich gegen eine feindliche umgebung zu halten? eine zeitlang ist es vlt möglich, aus der not eine tugend zu machen, aber irgendwann wird sich auch in der „revolutionärsten“ gesellschaft wieder eine binndendifferenzierung und diverse arbeitsteilungen herausbilden, die die keimformen neuer (oder alter) herrschaftsformen darstellen. wann man diese „sowjetkonterrevolution“ („thermidor“) zeitlich ansetzt, darüber sind die meinungen sehr geteilt. die anarchisten und ultralinken rufen laut „Kronstadt, Kronstadt!“, die anderen sagen vlt die „NÖP“ und die dritten nennen vlt die moskauer Prozesse oder die Ausweisung Trotzkis aus der Sowjetunion. aber egal, wo man da den umschlagspunkt ansetzt, entscheidend ist, dass sich qualitativ was geändert hat: was ursprünglich als emanzipatorisches unterfangen begann verwandelte sich in eine unterdrückung; eine unterdrückung, die der überwunden geglaubten unterdrückung in nichts mehr nachstand (nur in geänderten bezeichnungen für politische und militärische ränge).

da marxisten immer in der „ökonomie“ nach dem schlüssel für das funktionieren einer gesellschaft suchen, musste natürlich auch für die UDSSR eine „politökonomische“ bezeichnung gefunden werden.

a) die mehrzahl der „trotzkistischen“ strömungen teilt weiterhin die auffassung, dass es bürokratisch deformierte arbeiterstaaten gibt. (bürokratisch degeneriert wird nur für die ehemalige UDSSR verwendet.) die bürokratie wird als herrschende KASTE (schicht) bezeichnet, die zwar privilegien hat, aber nicht über EIGENTUM an produktionsmitteln verfügt.

b) wenige strömungen benutzen den begriff „staatskapitalismus“. am bekanntesten ist die CLIFF-strömung (in deutschland gehörte mal die jetzige marx21 gruppe dazu) und die amerikanische LRP.
historisch gibt es noch eine debatte um einen gewissen Bruno Rizzi, der eine theorie des „bürokratischen kollektivismus“ entwickelt hat, dies scheint aber keine aktuelle rezeption zu finden.

c) es gibt theorien, die versuchen verschiedene ansätze fruchtbar zu machen. ich bezeichne die als „synthetische“ theorien. mein lieblingsansatz ist die theorie der „asiatischen produktionsweise“ (APW), die auf die „stalinistischen“ gesellschaften anwendung (als analogie) finden soll. hinweise darauf findest
du bei August Wittfogel (die orientalische despotie) und Rudolf Bahro (die alternative).

ich selber neige zu der auffasung, dass die bürokratie eine „quasi-klasse“ ist, also zwar kein eigentum an produktionsmitteln besitzt aber über die staats- und verwaltungsfunktionen sich die faktische VERFÜGUNGSGEWALT über die produktionsmittel angeeignet hat. die ausbeutung läuft nicht über einen
„mehrwert“, sondern über das gesellschaftliche mehrPRODUKT, was sich die bürokratie priviligiert zuführt.

die kritik von neoprene, dass das entscheidene nicht die materiellen privilegien der bürokratie waren, sondern ihre selbstherrschaft nehme ich gerne an. denn tatsächlich glaube ich, dass auch eine übergangsgesellschaft schon ein hohes maß an „selbststeuerung“ (und arbeiterInnen-demokratie) aufweisen muss, wenn das emanzipatorische projekt von erfolg gekrönt sein soll. allerdings bin ich mir auch durchaus bewusst, dass die übergangsgesellschaft kein harmoniemodell sein wird. darum stimme ich DGS ausdrücklich zu, wenn er schreibt:

„Bensaïd beansprucht für Trotzki: „Trotzkis Beitrag bestand zweifellos darin, die Elemente für ein materialistisches Verständnisses der bürokratischen Konterrevolution zu liefern, in dem die sozialen und historischen Bedingungen den Vorrang haben vor den Palastintrigen und der Psychologie der Akteure.“ Ich sehe nicht, worin dieses „materialistische Verständnis“ besteht. Ein Wort, das eine soziale Schicht („Bürokratie“) bezeichnet, macht noch keine materialistische Erklärung. – Die von Teilen des Maoismus stark gemacht leninsche These, daß der Sozialismus keine eigenständige Produktionsweise, sondern die Kombination von im Kampf befindlichen Elementen der kapitalistischen und der kommunistischen Produktionsweise sei3 , erklärt dagegen die Möglichkeit des Steckenbleibens sozialistischer Revolution, die Möglichkeit der schließlichen Restaurierung von dominant kapitalistischer Verhältnisse – und vielleicht auch, warum so etwas wie eine „Bürokratie“ Bedeutung erlangen kann (nämlich, weil auch an der sozialen Basis die kommunistische Tendenz schwach und die kapitalistische stark ist – und nicht nur in den Spitzen von Partei und Staat etwas ‚schiefläuft’).

diese analyse scheint mir völlig richtig zu sein. und tatsächlich glaube ich, dass die tatsache, dass die mandeliansiche „vierte“ internationale den begriff „diktatur des proletariats“ fallen liess, nicht nur dem umstand geschuldet ist, dass dieser begriff leicht mißdeutlich ist, sondern auch, weil die mandelianer ein harmoniemodell der übergangsgesellschaft — genannt „sozialistische demokratie“ (was schon stark nach kautskyianismus schmeckt) — vertreten.

was ist jetzt mit dem „bürokratie“ begriff?

grundsätzlich hatte ja schon Lenin eine bestimmung der anfangsphase der sowjetunion gegeben:

„Was ich hätte sagen sollen, ist: Ein Arbeiterstaat ist [eine] Abstraktion. Was wir eigentlich haben ist ein Arbeiterstaat mit diesen Besonderheiten, erstens nicht die Arbeiterklasse, sondern die Bauernbevölkerung ist in der Überzahl, und zweitens ist er ein Arbeiterstaat mit bürokratischen Auswüchsen.“ (zit nach Duncan Hallas)

und ich denke, dass diese definition mehr oder weniger von anbeginn des revolutionären siegs gültig war. der umschlag von den „bürokratischen auswüchsen“ zur systematischen Herrschaft der Bürokratie wurde mit der physischen vernichtung der alten bolschewistischen garde (endgültig) besiegelt. was nun die „persönlichen“ eigenschaften Stalins waren, dass dieser umschlag mit seinem namen verknüpft ist – die beantwortung dieser frage möchte ich mir im rahmen dieses artikels ersparen. aber ich denke, seine „mittelmässigkeit“ wäre ein guter ansatz dazu.

eine zeitlang mag die bürokratie tatsächlich so etwas wie eine Kaste oder Schicht gewesen sein, aber irgendwann verfestigte sich die struktur der sowjetischen gesellschaft so, dass die bürokratie die funktion einer „quasi-klasse“ übernahm. ich weiss, dass dieser begriff nicht in der marxistischen theorie vorgesehen ist, aber wenn der marxismus eine wissenschaft sein will und kein dogma, dann muss er sich eben auch weiterentwickeln; und das bedeutet auch neue begriffe für neue phänomene hervorzubringen.

2– Übergangsmethode

tja, das scheint nun wirklich ein heikles thema zu sein. tatsächlich neige ich mittlerweile dazu, DGS recht zu geben, dass verschiedene „trotzkistische“ strömungen „übergangsforderungen“ aufstellen, weil sie meinen, dadurch die ArbeiterInnen hinterrücks für den „sozialismus“ gewinnen zu können. das ist natürlich blödsinn. die Arbeiter müssen sich schon darüber im klaren sein — und sie sind ja auch nicht blöd — dass sie mit dem kapitalistischen system „brechen“ müssen, wenn sie die übel an der wurzel packen wollen. aber übergangsforderungen können helfen, in spezifischen kampfsituationen (z B wenn eine Massenentlassung droht), forderungen zu stellen, die tatsächlich über das kapitalistische system hinausweisen. z B „offenlegung der bücher“, damit die Arbeiter selber kontrollieren können, wie es um „ihren“ betrieb steht, kann durchaus in einem starken konflikt zum kapitalistischen privateigentum stehen.

die forderung nach „arbeiterkontrolle der produktion“ ist übrigens KEINE übergangsforderung, sondern ist die verwirklichte „doppelherrschaft“ auf betriebsebene (also ausdruck einer zugespitzten klassenkampfsituation, die auch nicht vom himmel fällt, sondern politisch vorbereitet sein muss). diese doppelherrschaft muss sich entweder auf die übernahme der staatsgewalt ausweiten oder die betriebe fallen wieder zurück auf die ganz normalen marktbedingungen.

3– permanente revolution und nationale frage

DAS anathema des ‘trotzkismus’ ist diese theorie, von der myriaden legenden und mythen existieren, deren wahre bedeutung aber leider weniger verbreitet ist.

die erste legende ist, dass diese theorie von trotzki stammen würde. das ist so aber nicht richtig; trotzki hat sie am weitesten ausgearbeitet und zur grundlage seiner politischen orientierung gemacht. der wirkliche spiritus rector von ihr ist aber ein gewisser PARVUS, den heute niemand mehr kennt. es lohnt sich auch nicht, darauf weiter einzugehen, man sollte nur diesen namen KENNEN, wenn man von dieser theorie sprechen will.

was besagt diese theorie denn nun im einzelnen?

ich fasse mal ganz knapp und kursorisch zusammen:

in unterentwickelten ländern, mit überwiegender agrarstruktur und geringem anteil an industrieproletariat, können die aufgaben der (nachholenden) bürgerlich-demokratischen revolution wie landereform und beseitigung der (semikolonialen) abhängigkeit vom imperialismus trotzdem nur durch eine revolutionäre bewegung unterPROLETARISCHER führung durchgeführt werden, da die ‘nationale bourgeoisie’ (kompradoren-bourgeoisie) mit dem imperialismus interessenmässig verknüpft ist und die kleinbürgerlichen schichten (einschliesslich der bauern) zu einer eigenständigen politischen orientierung nicht in der lage sind.  (entscheidend ist also das “soziale gewicht” der klassen und nicht ihre zahlenmässige grösse)

die arbeiterInnenklasse wird aber nicht in der bürgerlichen etappe stehen bleiben, sondern ihren kampf auf sozialistische forderungen ausweiten. 

der sozialistische aufbau kann zwar im nationalen rahmen beginnen, er kann aber nur vollendet werden, wenn sich die revolution auf andere länder ausweitet, insbesondere auf die industriell fortgeschrittenen nationen (metropolen).

wenn man bedenkt, dass diese theorie VOR der russischen revolution von 1905 in wesentlichen grundzügen schon ausgearbeitet war, kann man ob ihrer kühnheit nur staunen. es verwundert daher kaum, dass trotzki zumindest in dieser angelegenheit bis 1917 ein ziemlicher einzelgänger war. trotzdem hat sich genau diese theorie in der oktoberrevolution bestätigt, was selbst von lenin anerkannt wurde, wie Adolf Joffe auf dem sterbebett bezeugte.

der vorwurf, dass Trotzki die bauern unterschätz hat, ist ein alter Hut. aber ich glaube, er beruht auf einem mißverständnis. Trotzki war sich sehr wohl der bedeutung der bauernschaft in der russischen gesellschaft bewusst (er kam schliesslich selbst vom lande), aber er wusste, dass die bauern ein element der konservativen beharrung sind, während nur die arbeiterklasse das treibenden revolutionäre element sein kann. und genau das besagt (unter anderem) die theorie der permanten revolition. und es gibt auch keinen schleichenden übergang von der „demokratischen“ zur „sozialistischen“ etappe, sondern BEIDE aspekte müssen von vornherein von der(n) revolutionären partei(en) berücksichtigt werden.

und was die nationale frage betrifft, da dürfte es klar sein, dass Trotzki — nicht anders als Lenin — für das selbstbestimmungsrecht der nationen eintrat, um den weg frei zu machen für die frontstellung „klasse gegen klasse“, wenn diese frontstellung durch nationale konflikte „durchkreuzt“ war.

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4 Kommentare zu “Marxismus oder Dogmatismus

  1. in einem artikel von 2008 gibt die FT/CI eine etwas andere erklärung für die aufgabe des begriffs „diktatur des proletariats“ durch die mandelianer. das muss aber nicht unbedingt auf einen widerspruch (zu meiner darstellung) verweisen, sondern scheint mir eher die andere seite von der medaille zu sein:

    „Es ist eine bekannte Tatsache, dass die LCR 2003 auf einem Kongress beschlossen hat, die Zielvorstellung der Diktatur des Proletariats aus ihrem Programm zu streichen. Dabei führt sie linguistische Bedenken an, da der Begriff „Diktatur“ aufgrund der großen Anzahl diktatorischer und totalitärer Regime, die im 20.
    Jahrhundert existierten, mit einem repressiven und autoritären System assoziiert werde. In einem vorangegangenen Artikel[xxiv] haben wir diese Position bestritten, indem wir versucht haben aufzuzeigen, dass es sich in Wirklichkeit nicht um ein „formales“ oder rein sprachliches Problem handelt, sondern dass die wahre Bedeutung dieses programmatischen Wechsels darin liegt, den Kampf um die Zerstörung des bürgerlichen Staates und die Errichtung eines sowjetischen Arbeiterstaates durch die Strategie einer „radikalen Demokratie“ zu ersetzen.

    Dies setzt als Hypothese voraus, dass die Revolution in den fortgeschritteneren Ländern, unabhängig von der Form, die sie annehmen und von den Ereignissen, die sie auslösen werden, unweigerlich einen hohen Grand an Kontinuität mit den zur Zeit existierenden Institutionen der bürgerlichen Demokratie, v.a. dem Parlament, beinhalten wird.

    Dieser strategische Wechsel wurde nicht umsonst mit der eurokommunistischen Umorientierung der stalinistischen Parteien des Westens gegen Mitte der 70iger Jahre verglichen.“

    http://www.ft-ci.org/Welche-Partei-fur-welche-Strategie-1544?lang=de

  2. Trotzki aus dem Grabe – oder: Der Blick in die Glaskugel

    Vielen Dank für die Antwort – und ich habe wenig Rückeinwände.

    zu 1.:

    a) Ich verstehe das Ende Deines ersten Abschnittes dahin, daß Du den Status der Bürokratie-These von einem Erklärungs-Anspruch auf einen Deskriptions-Anspruch zurücknimmst – also im Sinne von: Es gab schon zu Lenins Zeiten Bürokratismus und der wurde im Laufe der Zeit zunehmend größer. In diesem Sinne würde ich zustimmen. Und ich würde das meinerseits noch ein bißchen wie folgt ausschmücken:
    Am Anfang, das schreibst Du ja auch, war die SU ’nur‘ ein Projekt, daß sich auf andere Länder ausweiten soll – und in dem Maße, in dem das nicht klappte, wurde das, was – ja, wem eigentlich? – der Partei (?) zugefallen war, und für das es dann keinen richtigen politischen Plan / Verwendungszweck mehr gab, mehr schlecht als recht verwaltet.
    Trotzdem habe ich immer noch eine Frage bzw. ein Bedenken zu Deinem Satz: „der umschlag von den ‚bürokratischen auswüchsen‘ zur systematischen Herrschaft der Bürokratie wurde mit der physischen vernichtung der alten bolschewistischen garde (endgültig) besiegelt.“

    Wer war denn nun eigentlich „die Bürokratie“? Waren das ausschließlich die Staatsangestellten? Und falls ja: Wie konnten die sich dann über die Politik / die Partei erheben? Oder war es eher so – das würde jedenfalls meine obige ‚Ausschmückung‘ nahelegen -, daß die Partei / die Politik sich mehr oder minder selbst aufgegeben hat, weil sie keinen Plan mehr hatte?
    Oder waren die ZK-Mitglieder, die Politbüro-Mitglieder, ja der Generalsekretär Teil „der Bürokratie“? Und falls ja: Waren das schon immer „bürokratische“ Ämter? Oder verwandelten die sich irgendwann von politischen Funktionen in bürokratische Ämter? Und falls ja: wann und wie kam das?

    b) Zu: „was nun die ‚persönlichen‘ eigenschaften Stalins waren, dass dieser umschlag mit seinem namen verknüpft ist – […]. […] ich denke, seine ‚mittelmässigkeit‘ wäre ein guter ansatz dazu.“
    Bettelheim schreibt nach meiner Erinnerung in der Geschichte der Klassenkämpfe in der UdSSR, daß Stalin sozusagen die Verkörperung des durchschnittlichen Parteimitgliedes war. Und auch politisch stand der ja zwischen der rechten und linken Opposition.

    c) Zur Frage des Einschnitts: Balibar macht seine Argumentation an der Verfassung von 1936 fest: Er zeigt quasi (ohne Mao und die KPCh zu erwähnen – er schrieb ja als KPF-Mitglied), daß der maoistische Vorwurf an den „modernen Revisionisten“ Chruschtschow, er habe die „Diktatur der Proletariats“ durch den „Staat des ganzen Volkes“ ersetzt, schon auf Stalin zutraf, also quasi Stalin der ‚erste moderne Revisionist‘ war (und das war zugleich eine böse Spitze gegen die KPF-Parteiführung, die ja im Namen des Anti-Stalinismus den Abschied von der „Diktatur des Proletariats“ durchsetzte).
    Ich würde nun meinerseits nicht sagen (ich weiß nicht, ob das Balibar 1976 gesagt hätte, wenn er gefragt worden wäre), daß bis 1935 in der SU alles in Ordnung gewesen sei.
    Ich würde zum einen sagen (aber das ist vielleicht eine sehr ‚deutsche‘ Perspektive): Spätestens die „Sozialfaschismus“-These machte deutlich, daß ‚das Ding‘ auf eine ziemlich schiefe Bahn kommt. – Und der point of no return – wo müßte der angesetzt werden? Ich würde sagen: Spätestens beim Ausscheidens auch Bucharins aus dem Politbüro im Nov. 1929 und frühstens wahrscheinlich bei den zahlreichen Neuaufnahmen ins Politbüro Anfang 1926 (siehe 1 und 2) und dem Ausscheiden Trotzkis am Ende des gleichen Jahres.
    Und die Grundlagen dafür – nicht i.S.v. von Ursachen-Erklärung, sondern i.S.v.: Grundlagen für die entsprechende Mehrheitsbildung innerhalb der Partei – dürften im rasanten Anstieg der Mitgliederzahl schon in den Jahren zuvor zu suchen sein. Vom März 1917 bis 1926 ver-27-fachte sich die Mitgliederzahl.

    d) Zu: „die mehrzahl der ‚trotzkistsichen‘ strömungen teilt weiterhin die auffassung, dass es bürokratisch deformierte arbeiterstaaten gibt. (bürokratisch degeneriert wird nur für die ehemalige UDSSR verwendet.)“
    Im Sinne der Unterscheidung ‚die SU hatte einen brauchbaren Anfang und bekam dann immer mehr Macken‘ einerseits und andererseits: ‚Die osteuropäischen ‚real’soz. Staaten hatten von Anfang eine Macke, in dem Sinne, daß sie im unterschiedlichen Maße nur auf geringe innenpolitische revolutionäre Kräfte, sondern vor allem auf die Rote Armee als Befreierin von der nazi-deutschen Besatzung gestützt waren.‘ finde ich diese Unterscheidung schon einsichtig.
    Trotzdem störe ich mich – wie in meinem Papier zur IV. (S. 15) kurz angesprochen – an der biologistischen Metaphorik von „degeneriert“ und der essentialistisch-geschichtsphilosophischen Metaphorik von „deformiert“.

    Und e): Zu den Teilen Deines ersten Abschnittes, die Du schon als Blog-Kommentar (06.09.; 11:15 h) bei mir gepostet hattest, habe ich dort (06.09.; 15: 13 h) schon geantwortet.

    zu 2.

    nur folgende Klarstellung, falls sie denn überhaupt nötig ist: Ich habe nichts Prinzipielles und in meisten Fällen auch nichts Inhaltliches gegen die Forderungen, die TrotzkistInnen als „Übergangsforderungen“ bezeichnen. Nur teile ich zum einen nicht die Ansicht, daß quasi jedes gute Flugblatt mit einem Forderungskatalog enden muß. Und zum anderen: Wenn Forderungen gestellt werden, was ich in vielen Situationen auch für richtig halte, dann sollten sie situations-angemessen sein und nicht ‚in der Luft‘ hängen.
    Insofern habe ich auch gegen die beiden von Dir konkret erwähnten Beispiele „offenlegung der bücher“ und „arbeiterkontrolle der produktion“ nicht Inhaltliches. Nur ist mir wichtig zum einen darauf zu achten, ob es denn überhaupt eine Forderung an die andere Seite ist oder ob sich um ein Ziel handelt, das durch einseitiges Handeln ‚unserer Seite‘ durchgesetzt werden soll – z.B. durch Besetzung der Chefetage des Unternehmens, dessen Bücher offengelegt werden sollen, oder durch hacking des Computersystems des Unternehmens.

    zu 3.

    a) Zunächst zu Deinem letzten Absatz:

    und was die nationale frage betrifft, da dürfte es klar sein, dass Trotzki — nicht anders als Lenin — für das selbstbestimmungsrecht der nationen eintrat, um den weg frei zu machen für die frontstellung ‚klasse gegen klasse‘, wenn diese frontstellung durch nationale konflikte ‚durchkreuzt‘ war.

    aa)Nein, daß scheint mir alles andere als klar zu sein. Denn so gut kennen auch die meisten Linken zumal die Werke Trotzkis nicht – und die Werke Lenins kennen sie, wenn überhaupt, dann zumeist in Form der (post)stalinistischen Lesart dieser Schriften.

    Das heißt: Jede Argumentation zu diesem Punkt müßte – allein schon um des Verständlich-/Verstehbarmachens der ‚eigenen‘ Position willen – zum einen klarlegen, welche Kritik von antinationaler und anarchistischer Seite an der theoretischen und politischen Praxis des (Post)Stalinismus und der trikontinenalen „Nationalen Befreiungsbewegungen“ denn geteilt wird.

    Meine eigene Lesart der leninschen Position zu diesem Thema hatte ich dort dargelegt:

    Für das Recht auf Lostrennung, aber nicht unbedingt für dessen Ausübung

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/07/13/fuer-das-recht-auf-lostrennung-aber-nicht-unbedingt-fuer-dessen-ausuebung/

    bb) Und die eigene Praxis auf diesem Feld müßte mindestens genau dem von Dir genannten – und m.E. richtigen – Anspruch gerecht werden, den Klassenwiderspruch freizulegen (eine Formulierung die mir zu Gründen, die wir irgendwo im NaO-Prozeß-Blog schon mal diskutierten, lieber ist als: „frontstellung ‚klasse gegen klasse'“) und ihn gerade nicht durch Partei ergreifen für den Nationalismus der einen oder anderen Seite in nationalen Konflikten verdecken. Und das Entsprechende gilt für den Geschlechterwiderspruch (s. z.B. die äußerst restriktive Abtreibungsgesetzgebung im seit 2007 wieder sandinistisch regierten Nicaragua; siehe dazu außerdem: http://www.nao-prozess.de/blog/antiimperialismus-und-geschlechterverhaeltnis/).

    Und b). Zu Deiner kursiv gesetzten Darstellung des Konzeptes der Permanenten Revolution: Daran habe ich gar nicht soviel auszusetzen – außer, daß ich mich an den geschichtsdeterministischen Implikationen, die ich aus den Ausdrücken „die arbeiterInnenklasse wird“, „Aufgabe“ und „nachholend“ herauslese, störe.
    Welche Instanz vergibt solche „Aufgaben“ an die gesellschaftlichen AkteurInnen? Wann ist eine solche „Aufgabe“ rechtzeitig erledigt? Ab welchem Zeitpunkt besteht Nachholbedarf? – Legt das der Hegelsche Weltgeist fest oder Trotzki aus dem Grabe? Woher wissen wir, was „die ArbeiterInnenklasse“ künftig tun wird? Der Blick in die Glaskugel?

  3. ich habe zwar bei trotzki keine zahlen gefunden, wie sich die bürokratie zusammensetzt, er gibt aber eine ziemlich präsise beschreibung der soziologischen entstehungsbedingungen der bürokratie:

    „Grundlage des bürokratischen Kommandos ist die Armut der Gesellschaft an Verbrauchsgegenständen mit dem daraus entstehenden Kampf aller gegen alle. Wenn genug Waren im Laden sind, können die Käufer kommen, wann sie wollen. Wenn die Waren knapp sind, müssen die Käufer Schlange stehen. Wenn die Schlange sehr lang wird, muss ein Polizist für Ordnung sorgen. Das ist der Ausgangspunkt für die Macht der Sowjetbürokratie. Sie „weiß“, wem sie zu geben, und wer zu warten hat.

    Die Erhöhung des materiellen und kulturellen Niveaus müsste auf den ersten Blick die Notwendigkeit von Privilegien verringern, das Anwendungsgebiet des „bürgerlichen Rechts“ verengern und damit seiner Schützerin, der Bürokratie, den Boden entziehen. In Wirklichkeit geschah das Umgekehrte: das Wachstum der Produktivkräfte verursachte bisher eine extreme Entwicklung aller Formen der Ungleichheit, Privilegien und Vorteile, und damit auch des Bürokratismus. Und auch das nicht zufällig.

    In seiner ersten Periode war das Sowjetregime zweifellos viel gleichmacherischer und viel weniger bürokratisch als heute. Doch das war das Gleichmachertum der allgemeinen Not. Die Mittel des Landes waren so dürftig, dass für die Absonderung irgendwie breiterer privilegierter Schichten aus der Masse keine Möglichkeit vorhanden war. Gleichzeitig damit ertötete der „gleichmacherische“ Charakter des Arbeitslohns die persönliche Interessiertheit und wurde so zu einer Bremse für die Entwicklung der Produktivkräfte. Die Sowjetwirtschaft musste aus ihrer Armut herauskommen und eine etwas höhere Stufe erklimmen, damit der Fettansatz, – die Privilegien – möglich wurde. Der heutige Stand der Produktion ist noch sehr weit davon entfernt, alle mit allem Notwendigen versehen zu können. Aber er reicht schon aus, um einer Minderheit erhebliche Privilegien zu gewähren und die Ungleichheit in eine Knute zur Anpeitschung der Mehrheit zu verwandeln. Das ist der erste Grund, warum das Wachsen der Produktion bisher nicht die sozialistischen, sondern bürgerlichen Züge des Staates stärkte.

    Es ist dies aber nicht der einzige Grund. Neben dem ökonomischen Faktor, der im gegenwärtigen Stadium kapitalistische Arbeitsentgeltsmethoden vorschreibt, wirkt parallel ein politischer Faktor in Gestalt der Bürokratie selbst. Ihrem eigentlichen Wesen nach ist sie Stifterin und Erhalterin der Ungleichheit. Sie entsteht von Anfang an als bürgerliches Organ des Arbeiterstaats. Während sie die Vorteile der Minderheit einführt und beschützt, schöpft sie selbstredend den Rahm für sich selber ab. Wer Güter verteilt, ist noch nie zu kurz gekommen. So erwächst aus dem sozialen Bedürfnis ein Organ, das die gesellschaftlich notwendige Funktion weit überragt, zu einem selbständigen Faktor und damit zur Quelle großer Gefahren für den gesamten Organismus der Gesellschaft wird.

    Der soziale Sinn des Sowjetthermidor beginnt uns jetzt klar zu werden. Armut und kulturelle Rückständigkeit der Massen verkörperten sich noch einmal in der Schreckensgestalt des Gebieters mit großem Knüttel in der Hand. Die abgesetzte und geschmähte Bürokratie wurde aus dem Diener der Gesellschaft wieder ihr Herr. Auf diesem Wege hat sie eine solche soziale und moralische Entfremdung von den Volksmassen erreicht, dass sie bereits keine Kontrolle weder ihrer Taten noch ihrer Einkünfte mehr dulden kann.

    Die auf den ersten Blick mystische Furcht der Bürokratie vor den „Schieberchen, Raffern und Klatschbasen“ findet auf diese Weise ihre ganz natürliche Erklärung. Noch nicht imstande, die elementaren Bedürfnisse der Massen zu befriedigen, weckt und erzeugt die Sowjetwirtschaft auf Schritt und Tritt Schieber- und Raffertendenzen. Andererseits machen die Privilegien der neuen Aristokratie die Bevölkerungsmassen geneigt, auf die „sowjetfeindlichen Klatschbasen“ zu horchen, d.h. auf jeden, der sei es auch nur im Flüsterton, die willkürliche und gefräßige Obrigkeit kritisiert. Es handelt sich somit nicht um Gespenster der Vergangenheit, nicht um Überbleibsel von etwas nicht mehr Existierendem, mit einem Wort nicht um Schnee vom vorigen Jahr, sondern um neue, mächtige und ständig wiederauferstehende Tendenzen zur privaten Akkumulation. Das erste bislang noch sehr armselige Anströmen von Wohlstand hat im Lande gerade infolge seiner Armseligkeit diese zentrifugalen Tendenzen nicht geschwächt, sondern verstärkt. Andererseits wuchs bei den Nichtprivilegierten das Bestreben, dem Neuadel die Faust unter die Nase zu reiben. Der soziale Kampf verschärft sich aufs neue. Das sind die Quellen für die Machtfülle der Bürokratie. Doch aus denselben Quellen entspringt auch die Bedrohung dieser ihrer Machtfülle.“ https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/verrev/kap05.htm#s3
    [edit: die übersetzung in der Rasch & Röhring ausgabe ist natürlich besser http://www.rsb4.de/content/view/2503/?c_id=lcl-ad&c_keyword=bue-li-109 ]

    allerdings würde ich aus heutiger sicht — spätestens ab 1936 — nicht mehr von der „bürokratie“, sondern der „nomenklatura“ sprechen wollen, also die tatsächliche staats- und parteispitze. trotzki ging nämlich davon aus, dass es möglich sei, dass sich innerhalb der bürokratie noch eine Ignaz Reiss fraktion bilden kann, dies war aber nach den moskauer prozessen gänzlich ausgeschlossen (was andere politische differenzen natürlich nicht ausschloss/ausschliesst).

    auf die geschichtsphilosophischen differenenzen möchte ich jetzt nicht mehr eingehen, denn diese sind sattsam bekannt; vor allem, wenn sie keinen (oder wenig) einfluss auf die politischen fragen im engeren sinn haben.

  4. zum geschichtlichen hintergrund vergleich auch:

    http://www.klassegegenklasse.org/trotzki-der-name-der-revolution/

    trotz einiger formulierungsschwächen ein guter und brauchbarer artikel. allerdings frage ich mich, wenn es heisst:

    „In dieser Periode erwiesen sich die Theorie und das Programm der Permanenten Revolution als einzige strategische Alternative zur stalinistischen Politik. Davon ausgehend versuchte Trotzki mit jeder Taktik oder Politik eines: die Massenbewegung auf den revolutionären Weg zu leiten. Vor allem die Führungsrolle der Kommunistischen Parteien und der III. Internationale verhinderte die Entwicklung einer solchen von der Bourgeoisie unabhängigen Politik, mit der das Proletariat während dieser Phase des Klassenkampfs hätte siegen können.“

    warum dann die „Massen“ an der „führungsrolle der KPen und der III. internationale“ weiterhin festhielten?

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